MAX SPOHR - AUSSTELLUNG

 

Volksaufklärung per Verlagspolitik. Max Spohr (1850-1905), Verleger in Leipzig 

Der Verleger Max Spohr und sein Verlag

Der Völklinger Kreis – der Bundesverband der Gay Manager – ist ein Zusammenschluss von Selbstständigen, Freiberuflern und Führungskräften aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Öffentlicher Dienst. Anfang April 2001 hat der Völklinger Kreis erstmalig den Max Spohr-Management-Preis verliehen. Mit diesem Preis sollen Unternehmer ausgezeichnet werden, die die Vielfalt gesellschaftlichen Lebens schätzen und fördern, die Integration von Minderheiten begrüßen und Schwule und Lesben explizit in Mitarbeiterprogramme einbeziehen, die, kurz ausgedrückt, homosexuellenfreundlich sind. Träger des diesjährigen Preises ist die Firma Ford AG, Köln.

Aus diesem Anlass wird eine vom Centrum Schwule Geschichte (in Verbindung mit der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin) erarbeitete Ausstellung über Max Spohr (1850 - 1905) der Öffentlichkeit vorgestellt. Damit soll an einen Mann erinnert werden, der als Verleger und Privatperson am Beginn der sich konstituierenden Schwulenbewegung vor 100 Jahren mit seinen Publikationen wesentlich zur Emanzipation von Homosexualität beitrug. Der 150. Geburtstag Max Spohrs ist ebenfalls geeigneter Anlass, dieses Verlegers zu gedenken.

Max Spohr war selbst nicht homosexuell, soweit wir und seine Zeitgenossen dies beurteilen können, er setzte sich dennoch in überdurchschnittlichem Maße für die Homosexuellenbewegung ein.

Magnus Hirschfeld notierte in seinen Memoiren, dass Spohr, von anderweitigen Empfindungen ungetrübt, ein glückliches Familienleben führte und sich nur sehr bedingt von geschäftlichen Gesichtspunkten leiten ließ, vielmehr von der Überzeugung, im Dienste einer großen Idee zu wirken. Dies war der Hintergrund, warum der Völklinger Kreis seine Ehrung für Unternehmen nach Max Spohr benannte.

Die Ausstellung möchte den Verleger und sein Werk bekannt machen. Sie führt zurück zu den Anfängen der Schwulenbewegung. Schwule Literatur war zwar auch vorher dem Bildungsbürgertum in Grenzen bekannt und verfügbar; am Ende des 19. Jahrhundert nahm die Anzahl der Veröffentlichungen über Homosexualität aber stark zu. Max Spohr blieb über viele Jahre jedoch der einzige Verleger, der diesen Bereich in seinem Verlag systematisch pflegte. Der Verlag, 1881 in Leipzig, damals Mittelpunkt der deutschen Buchwelt, gegründet, verlegte ab 1893 homosexuelle Emanzipationsliteratur. Zu seinen ersten Publikationen gehörten Der Urning vor Gericht und Die Enterbten des Liebesglücks (Otto de Joux).

Magnus Hirschfeld wurde dadurch auf den Verlag aufmerksam und fragte nach mehreren Absagen anderer Verleger dort nach, 1896 erschien dann bei Spohr Hirschfelds erste – pseudonym publizierte – Schrift Sappho und Sokrates. Daraus erwuchs eine intensive Zusammenarbeit, viele Bücher über Homosexualität folgten.

Insgesamt mehr als 120 Publikationen zum Thema Homosexualität wurden in den folgenden Jahren vertrieben, das ab 1897 erscheinende Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität und die Separatdrucke daraus nicht mitgerechnet. Die Themen reichen von freier Liebe über den § 175 bis zur Verurteilung von Oscar Wilde. Auch lesbische Liebe wurde immer wieder zum Thema gemacht.

Unter den belletristischen Texten, die aufgrund der geltenden Zensurgesetze eher Restriktionen zum Opfer fielen als wissenschaftliche Werke, finden sich mehrere authentisch anmutende Romane über individuelle urnische Lebensschicksale. Aber hier imponiert nicht nur die Bandbreite bzw. Zahl der von Max Spohr verlegten Werke; während andere Verlage das Thema Homosexualität nur andeuteten, waren seine Bücher häufig recht direkt. Wo in anderen Verlagen vieles  pseudonym erschien, anderes im Eigenverlag publiziert werden musste, stand Spohr als Verleger stets hinter seinen Autoren und Autorinnen und deren Büchern.

Das Thema Homosexualität war jedoch nur ein Teilbereich seiner Verlagsproduktion. Max Spohr widmete sich auch den sonstigen Sexualwissenschaften und dem Okkultismus und Spiritismus, der Lebensreformbewegung, zudem in geringerem Maße auch der Philosophie und der Kulturgeschichte.

Drei Bereiche des literarischen Programms lassen sich hervorheben: die Werke, die sich in literarischer Form für die Emanzipation der Homo- sexuellen einsetzen, die Werke des Symbolismus und die Übersetzungen der Werke Oscar Wildes. Einen Teil der Belletristik lagerte Spohr in Zusammenarbeit mit dem Lyriker Franz Evers in das von 1893 bis 1903 bestehende Tochterunternehmen Kreisende Ringe aus.

Sein Engagement blieb für Max Spohr nicht ohne Folgen. Hier war es vor allem der § 184 RStGB, der sich den Emanzipationsbemühungen des Verlages hinderlich in den Weg stellte. Dieser Paragraf verbot die Verbreitung unzüchtiger Schriften, aufgrund dieses Paragrafen wurde Spohr mehrmals denunziert, angeklagt und verurteilt. Zu den von der Polizei verfolgten Schriften gehörte z.B. die Enterbten des Liebesglücks von Otto de Joux. Der Streit um dieses Buch wurde 1900 im Börsenblatt des deutschen Buchhandels öffentlich ausgetragen. Während die Auseinandersetzung in diesem Fall keine rechtlichen Konsequenzen nach sich zog, wurde der Verleger in anderen Fällen verurteilt.

Neben seiner verlegerischen Tätigkeit wird aber auch das sonstige Engagement von Max Spohr gewürdigt: Zusammen mit Magnus Hirschfeld, Eduard Oberg und Franz Joseph von Bülow gründete er 1897 das Wissenschaftlich-Humanitäre Komitee, die international erste homosexuelle Emanzipations-Organisation.

Spohr beriet Hirschfeld bei der Abfassung der Petition zur Streichung des § 175 und leitete das Leipziger Subkomitee des WHK.

Am 15. November 1905 starb Max Spohr an den Folgen von Darmkrebs.

Sowohl Magnus Hirschfeld als auch dessen Gegenspieler Adolf Brand widmeten ihm lange lobende Nachrufe.

Nach seinem Tod führte zuerst sein Bruder Ferdinand und anschließend dessen Sohn das Unternehmen weiter, bis 1942 die Verlagstätigkeit endgültig eingestellt wurde. Damit ging ein Stück schwule Literaturgeschichte zu Ende, die in unserer Ausstellung ausführlich dokumentiert wird.

Sie zeigt auf Tafeln und in Vitrinen Bilder, Akten und Bücher; die Biographie von Max Spohr und die Arbeit seines Verlages werden präsentiert. Aber auch die Zeitumstände werden berücksichtigt: Die Anfänge der Schwulenbewegung, die ersten Organisationen von Homosexuellen werden einbezogen, der Umgang mit Homosexualität in der Öffentlichkeit werden ebenfalls vorgeführt, und zwar am Beispiel von Rezensionen der Bücher aus dem Spohr-Verlag und durch die beiden zeitgenössischen Homosexuellen-Skandale, die Krupp- und die Eulenburg-Affäre.

Die Spohr-Aussstellung dürfte für all die sehenswert sein, die sich mit Buch- und Verlagsgeschichte beschäftigen, die sich für die frühe Homosexuellenbewegung interessieren oder die frühe wissenschaftliche oder literarische Zeugnisse zum Thema Homosexualität kennen lernen wollen.

Eine Publikation von Mark Lehmstedt über Max Spohr und seinen Verlag ist in Vorbereitung (erscheint wahrscheinlich 2002)