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ANDERS ALS DIE ANDERN |
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Johanna Elberskirchen
Theodor Widdig
Restaurant Nettesheim am Hahnentor |
Anders als die Andern - Schwule und Lesben in Köln und Umgebung 1895-1918 Ausstellung – Buch
– Stadtführungen Mit einem
biographischen Schwerpunkt zeigen wir, was es vor 100
Jahren bedeutete, schwul oder lesbisch zu sein. Dies ist die erste
schwul-lesbische lokalgeschichtliche Studie über die Kaiserzeit, und es werden nicht nur spannende Kölner Geschichten,
sondern auch überregional bedeutende Dokumente über Köln präsentiert.
Die Geburtsstunde der Homosexuellenbewegung wird somit zum ersten Mal am
Beispiel Kölns beleuchtet. Durch unseren lokalgeschichtlichen Ansatz
vermitteln wir Geschichte als lebendige Alltagskultur, die sowohl für die
Geschichte von Köln als auch für die Geschichte von Schwulen und Lesben
bisher Unbekanntes ans Licht fördert. Projektbeschreibung In Fortführung und Ergänzung der bisher erfolgreichen regionalen Geschichtsarbeit des CSG möchten wir unter dem Titel Anders als die Andern – Schwule und Lesben in Köln und Umgebung 1895-1918 Ende 2006 unsere Forschungen der letzten Jahre über die Wilhelminische Zeit in Köln einem großen Publikum vorstellen. - Der renommierte Emons-Verlag aus Köln hat die Veröffentlichung des Buches übernommen (im Buchhandel oder bei uns erhältlich). - Die Ausstellung ist ab 25.01.2007 im Foyer der Universitäts- und Stadtbibliothek zu sehen (Termine) Inhalt Zunächst vermitteln wir anhand von ausgewählten Biographien ein vielschichtiges und lebendiges Bild des schwulen und lesbischen Lebens in Köln. Dabei geht es um alle Aspekte, die homosexuelles Leben bestimmt haben: von § 175 RStGB über die meinungsprägenden zeitgenössischen Skandale um homosexuelle Männer bis zur medizinischen Forschung. Im Bereich der schwulen und lesbischen AktivistInnen wird es z.B. um die Bonner Publizistin Johanna Elberskirchen gehen, die offen und selbstbewusst als lesbische Feministin auftrat (Abbildung links) Bei dem aus Lechenich stammenden und zeitweise in Köln lebenden Peter Hamecher werden wir dagegen die engen Kontakte zur Homosexuellenbewegung aufzeigen, nämlich zum Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WHK). Günther Graf von der Schulenburg leitete als Ansprechpartner für das rheinländisches Subkomitee des WHK sogar über kurze Zeit eine regionale Interessenvertretung für Schwule und Lesben. Der Kölner Schuhmacher Theodor Widdig hielt Vorträge über Homosexualität in Köln und unterstützte die noch junge Schwulenbewegung mit allen seinen Kräften (Abbildung links).
In einem weiteren Kapitel werden einige schwule Autoren vorgestellt, deren Homosexualität sich in ihrem Werk niederschlug und die in einigen Fällen Opfer von Zensur wurden. Neben bekannten wie Hanns Heinz Ewers und Curt Moreck werden auch unbekannte Autoren wie Emil Kaiser und Eugen Richtmann aus Köln vorgestellt. Der aus Düsseldorf stammende Hermann Breuer schrieb mit seinem schwulen Köln-Roman Anders als die Andern sogar einen subkulturellen Bestseller. Um
verschiedene Facetten im Umgang mit Homosexualität und bildender Kunst zu
zeigen, werden daneben Künstler mit ihren Werken vorgestellt:
schwule Künstler (Melchior Lechter; Sascha Schneider), ein Illustrator
von Romanen mit schwulen und lesbischen Inhalten (Adolf Uzarski) und auch ein schwuler Galerist (Alfred
Flechtheim). In einem Beitrag über den schwulen Alltag werden einzelne Schicksale beispielhaft beleuchtet: Menschen wie Friedrich Ferdinand Mattonet, der von seinem Liebhaber jahrelang erpresst und schließlich ermordet wurde, der Kölner Geschäftsmann Albert Mertes, der jahrelang versuchte sich aus den Homosexuellenlisten der Kölner und Düsseldorfer Kriminalpolizei streichen zu lassen und Julio Maria Malbranche, der seinem Leben durch Freitod eine Ende bereiten wollte. Im letzten Teil der Biographien stellen wir heterosexuelle Zeitgenossen vor, die in unterschiedlicher Weise einen großen Einfluss auf die homosexuelle Emanzipationspolitik hatten. So setzte sich der aus Köln-Deutz gebürtige Politiker August Bebel u.a. im Reichstag für die Abschaffung des § 175 ein. Aus dem Bereich der Medizin wird zudem auf den Kölner Psychiater Gustav Aschaffenburg hingewiesen, der hunderte von Homosexuellen kannte und über sie publizierte. Als Vertreter der katholischen Sittlichkeitsbewegung machte sich hingegen Hermann Roeren einen Namen. Er stellte sich den Emanzipationsbewegungen der Schwulenbewegung stets massiv entgegen. Mit einem in dieser Form biographisch aufgebauten Buch stellen wir so unterschiedliche Aspekte homosexuellen Lebens dar. Eingestreute Info-Kästen erweitern und vertiefen den Inhalt. Wir hoffen, dass wir so ein breites Publikum erreichen. Die CD-Rom zum Buch Dem speziell interessierten Publikum bieten wir zusätzlich eine dem Buch beiliegende CD-ROM, die einen Großteil unserer weiteren Forschungsergebnisse enthält und ein Mehrfaches des biographischen Materials umfasst. Hier werden z.B. die in Köln erscheinenden Tageszeitungen mit ihrer parteipolitischen Ausrichtung und in ihrer Berichterstattung zur Homosexualität vorgestellt, die in einer Zeit ohne Fernsehen und Radio von großer Bedeutung waren. Den Homosexuellenskandalen der Wilhelminischen Zeit kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Die Untersuchung fängt mit der Verurteilung Oscar Wildes im Jahre 1895 an, die der späteren Schwulenbewegung wichtige Impulse gab. Neben dem zweiten großen Skandal – der Homosexualität des Kanonenkönigs Friedrich Alfred Krupp – werden sehr ausführlich die so genannten Eulenburg-Prozesse behandelt, in denen es um die Homosexualität der engsten Vertrauten von Wilhelm II. ging. Ein weiterer Beitrag handelt von Homosexualität in der frühen Wandervogel-Bewegung. Die erste offene Auseinandersetzung über Homosexualität im Wandervogel entzündete sich 1908 an der Person des hochrangigen Wandervogel-Funktionärs Wilhelm Jansen, der der Sohn von Maria Johanna DuMont aus der gleichnamigen Kölner Verlegerfamilie war. Weiterhin werden Dokumente präsentiert, die einen Rückschluss auf das Alltagsleben von Kölner Schwulen und Lesben bieten – an welchen Orten sich Schwule treffen und kennen lernen konnten. Von traditionellen Homosexuellentreffpunkten wie Hallenbädern (z.B. dem Kölner Hohenstaufenbad), öffentlichen Toiletten (z.B. der früher berüchtigten „Klappe“ an der Minoritenkirche) bis zu Kneipen (z.B. der Restauration Nettesheim am Hahnentor - siehe Abbildung links). In einem Exkurs werden weitere Aspekte beleuchtet, die im Zusammenhang mit Transvestiten und Geschlechterrollen stehen: der Umgang der Kölner Presse und der Kölner Polizei mit Männern, die Frauenkleider trugen und wie Transvestitismus in Kölner Theatern und im Kölner Karneval wahrgenommen und beurteilt wurden. Die Ergebnisse unserer Forschung gehen immer wieder über Köln hinaus und wir werden Dokumente der Öffentlichkeit präsentieren, die auch für das ganze Reich von Bedeutung sind. Mit den Liebesbiefen von Ernst Bertram aus Köln und seinem Lebenspartner liegt uns eine Auseinandersetzung mit einer homosexuellen Innensicht vor, wie sie reflektierter – auch in den Tagebüchern von Thomas Mann – aus dieser Zeit nirgendwo zu finden ist. Darüber hinaus haben wir Dokumente über Homosexuellenlisten der Kölner Polizei gefunden und ausgewertet, die an Informationsgehalt alle bisher bekannten Dokumente über Rosa Listen aus anderen Städten überbieten. Bei vielen der untersuchten Autoren und Künstler liegt nun die erste Annäherung an ihr künstlerisches Werk im homosexuellen Zusammenhang vor. Lesbische Frauen und lesbisches Leben haben wir berücksichtigt; die Quellen bieten jedoch derart wenig Material, dass dieses Thema nur wenig Platz einnehmen kann. Einordnung des Projektes Das hier
vorgestellte Projekt wird die erste schwul-lesbische lokalgeschichtliche
Studie sein, die ausschließlich die Wilhelminische Zeit behandelt. Bei
der Behandlung von schwuler Geschichte stehen Epochen wie der
Nationalsozialismus oder das antike Griechenland meist im Vordergrund. Von
vielen unserer Mitglieder und einzelnen Pressevertretern wurde uns
signalisiert, dass ein Projekt über die Wilhelminische Zeit als sehr
innovativ und als mal was ganz Neues angesehen wird – eine Einschätzung,
die sicherlich ein Großteil der schwul-lesbischen Community teilt. Wir
gehen deshalb von einem überdurchschnittlichen Interesse von
Schwulen, Lesben und der Kölner Öffentlichkeit an unserer Arbeit aus. Hinweise
auf das schwule und lesbische Leben der Wilhelminischen Zeit sind fast
ausschließlich aus Berlin bekannt, das zu dieser Zeit das Zentrum der
schwulen Emanzipationspolitik war. Berlin war jedoch gerade wegen dieses
Sonderstatus nicht repräsentativ für das Deutsche Reich. Die meisten
Homosexuellen jener Zeit wohnten nicht in Berlin, sondern mussten in Städten
wie Köln ohne schwule Infrastruktur und ohne positive Identifikationsmöglichkeiten
ihr Leben meistern. Eine genaue Untersuchung über die Lebensumstände von
Schwulen und Lesben außerhalb Berlins ist daher eine notwendige und
wichtige Ergänzung der bisherigen Forschung. Wir leben in einer
Zeit der Entpolitisierung der Homosexuellenbewegung, ohne dass es jedoch
in der Gesellschaft zu einem vollständigen Abbau von Klischees und
Diskriminierung gekommen ist. Mit unserem Projekt können wir wichtige
politische Impulse setzen, sodass die vielen Errungenschaften der vorigen
Jahrzehnte nicht als unumkehrbar und selbstverständlich angesehen werden.
Bei Heterosexuellen können wir zum Abbau von Vorurteilen beitragen
und bei Schwulen und Lesben dazu, sich als Teil einer schwul-lesbischen
Gemeinschaft und eines gesellschaftlichen und emanzipatorischen Prozesses
zu begreifen. Die Geschichte der Schwulen und Lesben der
Wilhelminischen Zeit ist die Geschichte der Schwulen und Lesben im
heutigen Köln! Mit unserem lokalgeschichtlichen Ansatz lässt sich Geschichte als lebendige Alltagskultur begreifen. Mit unseren Stadtführungen, die wir nun auch über die Wilhelminische Zeit vorbereiten, wird diese Geschichte fassbar und erfahrbar. Unser Projekt ergänzt das Wissen über die Geschichte von Köln um Aspekte, die die etablierte Geschichtsschreibung, wenn überhaupt, nur fragmentarisch behandelt hat. Die Geschichte der Homosexuellen ist die Geschichte einer Minderheit, die es verdient beachtet und in Geschichtsbüchern genannt zu werden. Mit unserem Projekt werden wir vermitteln, wie sich Schwule und Lesben zu einer Zeit gefühlt haben, als es diese Wörter – zumindest in unserer heutigen Bedeutung – noch gar nicht gab. Unser Projekt führt zurück zur Geburtsstunde der Homosexuellenbewegung – an das Ende des 19. Jahrhunderts. Zum ersten Mal findet auch in Köln eine öffentliche Auseinandersetzung über Homosexualität statt, und es erscheint durchaus gerechtfertigt zu sagen: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Sie können helfen,
diesen Zauber lebendig werden zu lassen!
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